Ozean & Honig
Ich warte, bis das Nudelwasser anfängt zu sieden und denke an alles, was mir Ewigkeit versprach. An Zimmer, die nach Schlafen riechen. Wie viele Nächte ich in diesem Zimmer ohne künstliches Licht verbracht habe, das weiß ich nicht mehr. Ich weiß nur, dass es mehr Nächte waren, als gut für mich waren. In dem Moment fühlte es sich geborgen an und ich lernte, dass sich Misstrauen oft vertrauter anfühlt als Komfort. Als sich Indika und Schweiß im Frühling vermischten, war es er, der übrig blieb, als sich keine andere Gelegenheit anbiederte. Ich erinnere mich an tiefrote Wolken, die ich mit neunzehn aus seinem Dachbodenfenster beobachtet hatte. Aus demselben Fenster rauchte er spät nachts hinaus und hatte geglaubt, ich merke es nicht. Ich erinnere mich an das Gefühl, als er sich wieder zu mir lag und sich seine Beine mit der Decke und meinen vermischten. Sein Umriss in der Nacht war nicht schön, aber gut genug für mich. Dass er meinen Umriss für heilig erklärt hatte, war gut genug für mich. Ich muss das Lächeln lächeln, wo sich die Mundwinkel nach unten strecken, als ich an seine Hand denke, die meine nie ganz loslassen wollte und dennoch musste.
Ich weiß noch, wie es das erste Mal hinter dem Brustkorb brannte. Scham. Ich hatte zum ersten Mal jemanden hintergangen. Ich sagte, dass ich es nicht so gemeint hatte, nicht gewollt hatte. Oder zumindest nicht so gewollt hatte. Aber das war gelogen. Ich wusste, was es kosten würde, mich mit ihm zu teilen und war dennoch überrascht, als die Rechnung dafür kam. Seitdem war ich lieber Opfer als Täter. Seitdem verbot ich mir Verbindung. Aus für immer wurde ein nie wieder, aber ich tat es doch. Immer wieder doch. Ritzte immer wieder mit den Fingerspitzen meine Initialen in eine fremde Haut. Ich vermischte seine Gier mit meiner Sehnsucht und erzeugte die Droge meiner Wahl: Oxytocin. Mit dem Nacken nach oben gestreckt, suchte ich das Etwas, das bleiben würde und fragte mich, weshalb es mir so einfach fiel, davor zu fliehen.
Es mussten viele Wolken vor seinem Fenster vorbeiziehen, bis sich mir eine Lust aufdrängte, vor der ich nicht flüchten konnte. Wo Muskel auf Muskel trifft, wirft Stoff einen Schatten. In diesem Schatten fand mein getriebener Gang Halt. In den Einkerbungen einer Person, die nie gesehen werden wollte, sah ich den abgebrochenen Eckzahn, der ihrem Lächeln Leben schenkte. Ich bemerkte, wie sich Orange und Hellblau in ihrer Iris vermischten sowie Ozean und Honig. Für mich schöner als der Urknall. Ich küsste die weißen Flecken an ihren Fingernägeln und die Narben an ihren Beinen vom Bohren alter Wunden. Ich ließ meine Rastlosigkeit aus der Dunkelheit sprießen; raus aus dem Stoff, durch mich hindurch und tief in die Erde wuchern.
Es war die Haut an der Unterseite ihres Fußes, die mich erdete und mir verriet, wo die Menschlichkeit lebte. Nicht in den Falten am Nacken, sondern in der Rundung des Halses. Unter mir begraben sind Wurzeln, die Verweilen voraussetzen. Ich raste immer auf der Stelle. Jetzt bewege ich mich im inneren Halten. Miteinander und dennoch nicht vermischt. Sowie Ozean und Honig, Wasser und Öl. 11 Minuten. Nudeln sind fertig.