I love to hate you

Ich folge ihnen.
Ich „like“ sie.
Ich verachte sie.

Ein gewisser Schlag Frau auf Instagram, bei dem sich mir das Nackenhaar aufstellt. Nicht genug, um zu entfolgen, aber genug, um einen Beitrag zu verfassen. Ich mag ihren Content nicht. Ich mag ihre Messages nicht. Ich mag das Gefühl nicht, das sie mir geben und trotzdem suche ich nach ihrem Instagram-Handle. Als würde ich Leute zu mir ins Wohnzimmer einladen und dann leise am Klo vor mich hin seufze, warum sie denn nicht endlich gehen.

Dieser Blogbeitrag ist mein Versuch zu verstehen; Warum eigentlich?
Warum ich Content Creator konsumiere, die ich verachte.
Warum Ablehnung und Faszination bei mir so nah beieinanderliegen.
Und was meine Missgunst über mich sagt – nicht über sie.

Mehr als „Thinspiration“

Sie haben alle etwas gemeinsam.
Sie sind schlank. Mager. Aber sie haben keine Essstörung. Sie sind „naturally“ skinny und snacken ausschließlich Magerquark und Eiswürfel.
Sie entsprechen dem Schönheitsideal unserer Zeit so lächerlich genau, als hätten sie es persönlich mitgestaltet. Glatte Haut, flache Bäuche, zarte Gesichtszüge, mühelos „weiblich“.

Meine erste Vermutung liegt nahe:
fühle ich mich bedroht?

Bedroht von Körpern, die scheinbar ohne Aufwand das darstellen, wofür ich hungern und verzichten müsste?
Ins Eck gedrängt von Frauen, deren bloßes Bild mich daran erinnert, wie normativ Schönheit noch immer funktioniert? Wäre ich auch gern so mühelos perfekt?

Ja. Wahrscheinlich ein bisschen.

Aber so plump ist es nicht. Denn ich kenne dieses Gefühl. Ich habe es jahrelang studiert. Ich hatte 2013 einen Tumblr-Account und weiß wie sich „Thinspo“ anfühlt. Dieses Gefühl ist anders. Es ist nicht das schmerzhafte, aber banale „Ich will auch so sein“. Es ist eine innere Irritation. Ein Widerstand. Ein „bitte nicht schon wieder“ und ein „wieso machst du das?“. Die Schlüsselbeine allein sind es nicht.
Es ist die Art, wie sie zur Schau gestellt werden.

Pick me, choose me, want me: Weiblichkeit als Karikatur ihrer selbst

Was meine Brust zum Brennen bringt, sind nicht wohlgeformte Hintern in Leggings.
Es ist das plakative Inszenieren von Weiblichkeit, das sich anfühlt wie ein Rückschritt in Taveo Hosen. Diese Frauen spielen eine Form des Frau-Seins, die mir Angst macht.
Nicht, weil sie sich weiblich präsentieren – sondern weil ihre Weiblichkeit so herrlich angepasst ist. So gehorsam und bieder. So fucking ungefährlich für patriarchale Strukturen.

Sie lachen über Feminismus, indem sie ihn ignorieren.
Sie reduzieren ihn auf „Ich darf machen, was ich will“, während sie exakt das reproduzieren, was Frauen seit Jahrhunderten klein hält – nur jetzt mit Affiliate-Links. Sie tun dies nicht im kleinen Rahmen bei sich zuhause; sie stehen am Marktplatz der Neuzeit und schreien ihre Konformität in mein Gesicht.  Das ist Pick-Me-Girl-Verhalten mit Los Angeles Filter und einem Lied von Nina Chuba im Hintergrund.  Und irgendwo zwischen Pilates und Matcha schwingt immer mit: „Ich bin die Frau, vor der Männer keine Angst haben müssen.“ Das ist es, was mich frustriert.
Nicht die Frau an sich – sondern das System, das sie belohnt.

Ich, die überwachende Feministin

Aber wieso gebe ich mir das dann? Hier wird es unangenehm für mich.

Ich glaube, ich nehme eine überwachende Rolle ein.
Ich kontrolliere damit nicht sie – sondern mich. Ich bin sowohl Wärter als auch Insasse des Panoptikums, welches ebenfalls ich gebaut habe.

Ich schaue ihre Inhalte und vergleiche mich:
Bin ich so?
Sehe ich auch so aus?
Bediene ich unbewusst dieselben Narrative?

Was diese Frauen repräsentieren, ist meine Antithese. Nicht, weil ich auf keinen Fall einen sportlichen Körper haben will und Matcha nach Rasenmäherabfallprodukt schmeckt, sondern weil ich mich nicht so verkaufen will. Sie repräsentieren für mich eine Art Prostitution meines Wertesystems. Indem ich sie konsumiere, halte ich Abstand zu ihnen. Ich markiere innerlich eine Grenze: Ich muss anders sein. Und das ist problematisch.

Ist Verachtung feministisch?

Die eigentliche Frage meiner Reise in die Missgunst ist nicht, warum ich ihnen folge.
Sondern: Darf ich sie guten Gewissens verurteilen? Ist es feministisch, Frauen abzulehnen, die antifeministische Inhalte reproduzieren? Macht mich das selbst zum „pick me girl“?

Ich weiß es nicht.

Ich bin (noch) nicht an dem Punkt angelangt, an dem ich jede Frau unterstützen kann, nur weil sie eine Frau ist. Nicht, wenn sie subtil - und vielleicht sogar unwissend - Strukturen stabilisiert, die anderen Frauen schaden. Nicht, wenn ihr Content Frauen auf Körper, Gehorsamkeit und Anpassung reduziert. Gleichzeitig bin ich nicht dumm und bin mir sehr wohl bewusst, dass diese Frauen nicht das Problem sind. Sie sind das Ergebnis patriarchaler Strukturen, die durch unser aller Organismen fließen.

Ich liebe es, sie zu hassen.
Und ich hasse, dass ich sie brauche, um mich selbst zu positionieren.

Vielleicht bedeutet Feministin sein manchmal genau das:
Nicht zwingend die richtige Haltung zu besitzen, sondern mutig genug zu sein, die falschen zu hinterfragen.

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