Spielerfrau
Man hört sie von weitem kommen. Hufe mit subtilen Aufschriften. Louboutin, Gucci, Prada. Weißgold auf Weißgold klimpert zwischen Schritten. Ein Warnschuss, der mir Zeit gibt Luft in den Magen zu pumpen. Ich zerre mein synthetischstes Lächeln auf die Lippen und tröte mit zu hoher Stimme: „Haallooooo!“. Nur ein zynischer Gott macht ausgerechnet mich zur Spielerfrau. Von allen Seiten füllen sich die Stühle um den Esstisch. Ich kann die Begrüßungen nicht von einer Kakophonie unterscheiden. Drei oder vier Mal unter der Saison werden wir Spielerfrauen gezwungen, uns zu treffen. Das soll das Team stärken. Seitdem ich einen Partner mit überragend guten sportlichen Fähigkeiten habe, existiert das Konzept „Jahr“ nicht mehr. Es wurde mir entrissen und zerstückelt in Pre-Season, Regular Season, Playoff Season und Post Season. Wobei sich darüber streiten lässt, ob Post Season und Pre-Season nicht dasselbe sind. Und so dreht sich der Fels von Sisyphos.
Ich sauge am Strohhalm meines Drinks und beobachte die anderen Frauen, als wäre ich auf Safari. Ich vergleiche; egal ob der Aufdruck ihrer Taschen, der Weißton ihrer Zähne oder die Form ihrer Nägel; ich bin das Schwein in der Savanne. Ihre Gesichter sind starr. Ob Gelächter oder peinlich berührte Stille, der Ausdruck bleibt bestehen. Ich zupfe meinen Pullover über den Hals, aus Angst aufzufallen. Die Frau gegenüber von mir trägt ein Bauchfreies Versace-T-Shirt mit Aufdruck am Sternum. Bevor sich meine und Medusas Augen treffen, schaue ich weg. Ich schmunzle. Heute nicht.
„Wie war dein Sommer?“, fragt sie mich wie jedes Jahr. Sie fragt, weil sie mir erzählen will, dass ihr Mann sie auf irgendeine Insel in Südamerika oder Asien eingeladen hat, wo der Strand so weiß war, dass man den Sand mit Schnee hätte verwechseln können. Sie will mir von der neuen Tasche erzählen, die ihr Mann für sie gekauft hat, in Florenz oder Paris oder Stockholm. Sie will mir erzählen, wie traurig er war, als er nicht ins Nationalteam einberufen wurde, aber dass es sich trotzdem gelohnt hat. Das weiß ich, weil ich dieses Gespräch jedes Jahr mit ihr führe. Jedes Jahr denke ich bis zu diesem Zeitpunkt nicht daran, dass mir Sand und Schmuck im Leben fehle und dann plötzlich schon. Es scheint ihr nichts auszumachen, dass jeder ihrer Sätze mit dem Namen ihres Mannes beginnt. Dort, wo früher ein „Ich“ das Rampenlicht des Subjekts genoss, steht jetzt ein anderer Name.
Ich will gerade noch einen Drink bestellen, als das Essen eintrifft. Winzige Häppchen auf etwas größeren Tellern. Ich warte ab, bevor ich zugreife. Instinktiv wären fünfzehn Portionen eine realistische Anzahl, um meinen Saumagen zu füllen. Die anderen nehmen sich eine oder zwei. Ich tue es ihnen gleich. Sie vierteln die Häppchen, die so klein sind, dass man sie nicht einmal mehr kauen müsste. Ich vermute eine Zahnsensibilität ihrerseits vom Bleichen. Eventuell eine Vorstufe der Parodontose. Bei den Portionen und den daraus resultierenden Nährstoffmangel befürchte ich das Schlimmste: Skorbut. Ich schiebe mir ein ganzes belegtes Mikrobrot durch den Zahnzwischenraum in den Mund und berühre dabei mit dem Finger die vordersten Zähne, um mich von ihrer Stabilität zu überzeugen.
19:00 Uhr. Das Spiel beginnt in einer halben Stunde. Die letzten Reste Aperol werden gemütlich ausgetrunken, bis es fünfzig Meter weiter in die Eishalle geht. Wir sitzen immer im selben Sektor auf unterschiedlichen Sitzen, die je nach Status vergeben werden. Reihe sechs ist für die Frauen der wichtigsten Spieler reserviert. Das sind meistens Amerikaner, Kanadier oder Dänen. In der Hinsicht finde ich die Hierarchie progressiv, da die Ausländer bevorzugt werden. Je niedriger die Reihenzahl auf der Karte, desto niedriger die Punktezahl der Spieler in der letzten Saison. Das kann man auch an den Accessoires der Spielerfrauen ablesen: je teurer die Marke, desto begabter der Mann. Logisch. Ich fummle die Karte aus meiner Jackentasche und erspähe Reihe fünf. Ich bin kurz stolz, weiß nur nicht auf wen genau. Wie beim Kommen hört man uns auch beim Gehen, und ich stelle mir vor, dass alle Gäste laut ausatmen, sobald der letzte Huf in der Ferne verstummt.
Ich starre meinen Freund an. Er sitzt auf der Spielerbank und wartet auf den nächsten Wechsel. Er schaut kurz zu mir und ich winke ihm. Er schaut weg. Ich weiß, dass er sich konzentrieren muss und selbst wenn er mich gesehen hätte, nicht gewunken hätte. Ich glaube, er lügt. Ich glaube, er sieht mich genau und will mir eigentlich winken, doch er darf nicht. Zu groß wäre der Spott, zu laut das Gelächter, wenn die anderen Spieler ihn dabei erwischen würden. Ich bin davon überzeugt, dass jeder gerne seiner Frau von der Bank aus winken würde. Mein Freund behauptet, dass dem nicht so ist.
Er fährt schneller als alle anderen aufs Tor zu, holt aus, schießt, trifft. Viertausend Leute springen aus ihren Sitzen, klatschen in die Hände und brüllen seinen Namen. Ich schließe meine Augen und stelle mir vor, sie würden für mich jubeln. Mein ganzes Leben lang warte ich insgeheim auf diesen Moment. Auf Tumult um mich. Als „Freundin von“ lernt man, sich von Träumen zu verabschieden. Man zwingt sich, kühle Brisen im Schatten zu genießen. Angenehme Windstöße die sich von Mal zu Mal als Gefrierbrand enttarnen. Wenn ich meine Augen schließe, gehört der Applaus für einen Moment mir allein. Ich stelle mir vor, wie die Zuschauer Anerkennung nach mir werfen, dafür, wie viel ich bereits eingesteckt habe. Sie rasten aus wegen meiner Geduld und meiner Fähigkeit, einsichtig zu sein. Sie können sich kaum noch zusammenreißen, weil sie auch gern die emotionale Intelligenz besitzen würden, die es einem erlaubt, sich tagtäglich selbst an zweiter Stelle zu stellen. Mir würde man nachsagen, ich sei eine von denen, die am Boden geblieben sind, obwohl ich es besser wissen würde. Meinem Freund würde ich sagen, dass wir beide gleichermaßen großartig sind, obwohl wir beide wissen würden, wer größer ist. „Applaus spricht für sich“, würde ich denken, aber nicht sagen. Vielleicht würde ich ihm hin und wieder ein teures Geschenk machen. Er würde sich freuen und andere würden Spekulationen bezüglich meines Zahltages in die Welt setzen. Win-Win. Nach dem Spiel würde die Menge Autogramme verlangen und Fotos. Ich würde meinem Freund ein kleines Augenrollen zukommen lassen, als Zeichen meiner Genervtheit, doch eigentlich würde es mir gefallen. Die Meute würde meinem Freund den Namen entreißen und ihm mit einem Brandeisen „Freund von der emotional belastbarsten Frau überhaupt“ in den Hintern brennen.
Spiel vorbei. Sie haben verloren. Das bedeutet, dass ich warte. Wenn sie gewinnen, kann es sein, dass sie in der Kabine noch Bier trinken und Playstation spielen. Das könnte die Wartezeit ins unermessliche ausdehnen, weshalb ich in diesem Fall nach dem Spiel sofort nach Hause gehe. Ohne ihn. Verlierer jedoch bekommen kein Bier und dürfen auch nicht auf der Playstation spielen. Verlierer gehen duschen und machen sich so schnell wie es geht auf den Weg nach Hause mit ihren emotional belastbaren Frauen.
Vor dem Hinterausgang der Halle bilden sich Schlangen: Spielerfrauen und Fans. Ich traue mich zuerst nicht eine Zigarette anzuzünden, aus Angst vor übler Nachrede. Wenige Minuten später bezwingt die Sucht den Imagewahn (Gott sei Dank). Ich erkenne ihn von weitem an seiner Gangart. Ich lächle. „Endlich!“, sage ich leise und freue mich ihm nahe zu sein. Er öffnet die Tür und drei Fans kommen mir zuvor. Sie bitten ihn um ein Foto und gratulieren ihm zum Tor. Er schaut in meine Richtung, rollt mit den Augen und lächelt in die Kamera. Ich winke ab. Passt schon. Ich ziehe an meiner Zigarette und warte mit den anderen Spielerfrauen am Rand. Eine dreht sich zu mir, atmet schwer aus und legt ihre Hand auf meiner Schulter ab. Medusa blickt mir in die Seele. Mir wird kalt.