Thunfischtraum
Zwanzig Minuten vor Schluss, höre ich im halbleeren Seminarraum ein Klacken. Die Plastikverschlüsse einer Tupperware übertönen den Professor zweimal. Er lässt sich kurz irritieren, findet aber schnell wieder zu seinem Faden, den sonst niemand sieht. Plötzlich brennt sich mir ein säuerlich-fischiger Geruch in die Nasenscheidewand. Bestimmt ein Mann. Nur ein Mann bereichert jetzt den gesamten Seminarraum mit am Vortag zubereitetem Essensgestank, obwohl er in wenigen Minuten seine Ausdünstungen allein, am besten im Freien, genießen könnte. Das Seminar an sich dauert nur neunzig Minuten. Niemand züchtet in weniger als neunzig Minuten einen lebensbedrohlichen Kohldampf. Ich strecke meinen Kopf seitlich nach vorne, um meine Vermutung zu bestätigen. Es ist Florian, der gerade an zu weichen Fusilli lutscht, die mit eingetrockneter Tomaten-Thunfischsauce umhüllt sind. Die zu lange gegarten Nudeln brechen ihm von der Gabel. Seine Zunge streckt sich beim Versuch die Pastabrocken wieder einzufangen, automatisch nach vorne. Bei diesem Reflex entblößt er Zerkautes in seinem Rachen, und ich runzle mit der Stirn. Ich hoffe, er hört die Falten, die er verursacht. Die metallene Gabel klimpert gegen seine Ringe, seine Zähnen und stochert Löcher ins Plastik. In rhythmische Reihenfolge gebracht könnte nun der gesamte Seminarraum „We will rock you“ von Queen aufführen, wenn wir nicht alle vom Gestank erbrechen müssten.
Ich suche im Raum nach ähnlich angewiderten Gesichtern. Empörten Augenbrauen. Bloß einen Blick, der leichte Kritik verrät, doch ich scheitere. Einsam zurückgelassen im Nudelgestank ferndiagnostiziere ich den gesamten Seminarraum mit dem Depersonalisations-Derealisations-Syndrom.
Alle klopfen gegen den Tisch. Mein kurzer Exkurs in die klinische Psychologie führte dazu, dass ich den Abschluss verpasst habe und hektisch meinen Laptop, Schreibwaren, Zeichnungen von geköpften Nudelliebhabern in meine Tasche stopfe. Es sind nur noch ich und Florian im Seminarraum, der sich den letzten Bissen dieser mittlerweile vermutlich schon schimmelnden Weizenmassen zwischen die Zähne schiebt. Mein Blick bleibt am Berührungspunkt zwischen Schneidezähnen und Gabel kleben.
„Bitte Entschuldigung! Hättest du auch was wollen?“, fragt er mich.
Ich lächle.
„Nein, danke.“